Kater Graustirn, Märchen (Auflage 1974)

Das Rübchen – Ripka, Bilderbuch. Text und Illustration: Romana Romanyschyn und Andrij Lessiw, zweisprachige Ausgabe, 2022

„Kater Graustirn“ war eines meiner absoluten Lieblingsbücher – es begleitete mich durch meine gesamte Volksschulzeit hindurch. Durch die vielen Wiederholungen, die in fast allen Märchen zu finden sind, eignen sie sich ganz besonders für Kinder. Auch fand ich die „russischen“* Märchen viel humorvoller als die Grimm-Märchen. Ganz besonders liebte ich die vielen Reime, die durchaus brutaler Natur sein konnten, wie etwa in „Das Hasenhüttlein“, in dem sich eine Füchsin im Hasenbau einnistet, woraufhin der Hase zu seinem mutigen Freund, dem Hahn geht. Und der droht der Füchsin an:

„Kikeriki!
Ich habe rote Stiefel an.
Ich bin ein starker Sensenmann.
Jetzt komm ich heran,
um den Fuchs zu versohlen
und vom Ofen zu holen.“

Besagter Hahn war übrigens viel mutiger als der starke Bär, der hat sich von den Androhungen der Füchsin nämlich in die Flucht schlagen lassen…

In dem Märchenbuch aus dem Jahr 1974 begegnet man allerlei Tieren in russischer Tracht – als Kind liebte ich diese Darstellungen schon allein aus dem Grund, weil sie sich so sehr von den anderen Bilderbüchern unterschieden, die ich zu Hause hatte. Außerdem mochte ich, dass in (fast) jedem Märchen Tiere die Hauptrolle spielten, und ich liebte diesen speziellen Humor, den ich in den Grimm’schen Märchen immer vermisste.

Kater Graustirn ist ein Klassiker, den man durchaus auch heute noch ins Kinderzimmer holen kann. Natürlich geht es – wie in allen Märchen – ein bisschen brutal zu. Da es sich aber um Tiere handelt, werden hier weder Kinder ausgesetzt, noch wollen böse Wölfe das Rotkäppchen fressen, noch werden Hexen verbrannt – dafür aber geht’s dem bösen Wolf an den Kragen, der hat sich nämlich die kleinen Zicklein geschnappt. Die russische Version gefiel mir als Kind viel besser als die deutsche. Der wiederkehrende Reim war nämlich extrem lustig, und Jäger brauchte es auch keinen, die Mutter der Zicklein wurde mit dem bösen Wolf ganz allein fertig.

Ein paar Tage nach meiner Plauderei mit meiner Mutter meinen ehemaligen Märchenonkel landete dann tatsächlich ein Paket in meinem Postkasten – in dem sich zwei Bilderbücher befanden, die man mich bat zu prüfen und gegebenenfalls zu rezensieren. Eines davon war eine Neuinterpretation von „Das Rübchen“ (jenem traditionellem ukrainischen Märchen, das ich bereits aus dem Kater Graustirn kannte).
Die vorliegende Version ist nun zweisprachig – und als ich das Buch aufschlug, war ich sofort angetan. Die Illustrationen sind sehr ästhetisch und zeitgemäß, und wenn dann immer mehr Menschen am Rübchen ziehen, wird die Seite nicht einfach nur umgeblättert, sondern Stück für Stück weiter aufgeklappt (siehe Foto). Der ukrainische Text sowie die deutsche sind immer auf derselben Seite zu sehen – was nicht nur für ukrainische Kinder ein tolles Angebot ist, sondern auch für jene Kinder, die das kyrillische Alphabet nicht kennen. Vor allem jene Kinder in der Familie, die schon lesen können, werden sich bestimmt für die ungewöhnlichen Buchstaben interessieren. (Ich selbst habe sie mit meinen Freundinnen sogar mal eine Zeitlang als Geheimschrift verwendet.)

Kurz zum Inhalt:
Opa Andruschka lebt mit Oma Maruschka zusammen. Die beiden haben eine Enkeltochter (Minka), die wiederum hat einen Hund (Finka), dessen beste Freundin (Warwarka) eine Katze ist. Und diese wiederum kümmert sich liebevoll um das Mäuschen Darka.
Das Märchen erzählt davon, wie Opa Andruschka im Frühjahr zu Spaten und Hacke greift, das Beet vorbereitet und den Samen eines Rübchens in die Erde legt. Von nun an kümmert er sich täglich um die Pflanze. Das Rübchen wächst und wächst – bis es schließlich so groß ist wie Opas Kopf. Schließlich ist es an der Zeit, das Rübchen zu ziehen. Doch Opa Andruschka schafft es nicht allein, und so müssen nach und nach alle kommen, um mitzuhelfen.
Die Illustrationen erinnern anfangs an eine dekorative Patchworkarbeit. Die kleinen Bilder zeigen also nicht direkt wie der Opa das Beet vorbereitet, sondern laden zum Genauen Schauen ein. Da finden sich allerlei Obst- und Gemüsesorten, Blumenranken, auch ein Traktor ist dabei … und auch die Fliesen im Haus von Oma und Opa sowie die Teekanne.

Das Märchen vom Rübchen wurde im 19. Jahrhundert vom ukrainischen Schriftsteller Ivan Franko aufgeschrieben (Quelle: Babobab Books). Das ukrainische Künstlerduo Romana Romanyschyn und Andrij Lessiw aus Lemberg hat die Überlieferung neu interpretiert und dieses Kinderbuch gestaltet – die deutsche Übersetzung ist von Kati Brunner.

aus: „Das Rübchen – Ripka, Ein Märchen aus der Ukraine“, von Romana Romanyschyn und Andrij Lessiw. Die zweisprachige Ausgabe erschien 2022 bei Baobab Books.

zum Vergleich hier ein Bild vom gleichnamigen Märchen aus meinem „Kater Graustirn“

* Nachdem mir „Das Rübchen“ zugeschickt wurde, kam bei mir natürlich die Frage auf: Welche von den Märchen gelten heute überhaupt noch als „russische“ Märchen? Es wäre spannend herauszufinden, aus welchen Regionen der ehemaligen UdSSR die einzelnen Märchen tatsächlich stammen – vielleicht sind ja auch ein paar georgische dabei?

Titel: Das Rübchen – Ripka,
Ein Märchen aus der Ukraine
zweisprachige Ausgabe (Ukrainisch – Deutsch)
Text & Illustration: Romana Romanyschyn und Andrij Lessiw.
Übersetzung: Kati Brunner
Verlag: Baobab Books
Erscheinungsjahr: 2022
Seiten: 32
ISBN: 978-3-907277-14-0
Altersempfehlung: ab 4

Titel: Kater Graustirn
Autor: traditionell; aufgezeichnet von A. Tolstoi
Übersetzung: Margarete Spady, Thea-Marianne Babrowski, Günter Löffler
Illustrationen: E. Ratschow
Verlag: Progreß (Moskau)
Erscheinungsjahr: 1974
Seiten: 160

Ausgaben gibt es noch im Antiquariat, z.B. HIER

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